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Was stellen die Ulfinger dar? Wer sind wir? Was tun wir? Was ist eigentlich historische Darstellung?
Warum verkleiden sich erwachsenen Leute? Wieso denken wir, dass es für die Öffentlichkeit interessant ist, uns anzuschauen? Haben wir Qualifikation und Auftrag, andere zu bilden oder gar zu belehren?
Weshalb machen wir dasselbe auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit? Sind wir deswegen unseriös oder einfach nur Rollenspieler?
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Zwergenaufstand ...
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Diese Fragen sind nicht weit hergeholt, sondern ernst. Bierernst. Profilierung und Abgrenzung gegenüber irgendwie fragwürdigen Darstellungen sind in den Kreisen der historischen Darsteller offenbar sehr wichtig und werden immer wieder mit heiliger Inbrunst diskutiert.
Zum Teil ist das objektiv richtig: wenn Grenzen des guten Geschmacks oder gar der Gesetzgebung verletzt werden. Das kann bei zu blutigen, detailreich ausgespielten Kampfszenen und Schlachtdarstellungen der Fall sein. Oder bei der Verwendung von Symbolen, die ausser für Bildungs-und Schulzwecke verboten sind, weil mit ihnen allgemein Angst, Machtmissbrauch und Völkermord assoziiert werden, statt prähistorische und frühgeschichtliche Ornamentik. Genauso mag es besser sein, wenn bestimmte Fruchtbarkeitsriten oder römische Bacchantien mit kultischer Selbstentmannung nur im geschriebenen Wort behandelt und nicht Sonntag nachmittag im Rahmen eines Römerfests “zum Anfassen” inszeniert werden.
Gerade im Zusammenhang mit “musealer Darstellung”, deren Gegenpol der geschichtlich desinformierende Schlunz der allgegenwärtigen “Mittelalterfeste” und “”Mittelaltermärkte” zu sein scheint, sieht es so aus, als wäre die einzig akzeptable, also seriöse, Form historischer Darstellung der Nachbau archäologisch greifbarer Sachkultur und die Vorführung ihrer Verwendung.
Zugegeben: vieles von dem, was wir Ulfinger vorführen, verlässt den Rahmen des archäologisch, also durch Ausgrabung, nachgewiesenen.
Nicht in Bezug auf die von uns gezeigten Gegenstände. Hier sind wir ehrlich bemüht, genaue Rekonstruktionen in ihrer Funktion zu zeigen. Unsere Waffenvorführungen sind Erklärungen und keine Schaukämpfe, unsere Modenschauen zeigen verschiedene aus Funden und zeitgenössischen Abbildungen belegbare Kleidungsstücke. Und wir sind immer darum bemüht, diesen Bereich zu verbessern oder auf neu publizierte Informationen zu reagieren.
Aber wir zeigen noch ganz andere Dinge: im Rahmen von kurzen Theaterszenen werden soziale Unterschiede genauso angespielt wie religiöse Handlungen oder “politische” Haltungen. Uns ist bewusst, daß wir uns damit in einer Grauzone bewegen, weil Dinge vorgeführt werden, die kein Mensch genau wissen kann. Spekulation, gebildete Spekulation ist an sich nichts Verwerfliches, sondern einer der Motoren der Wissenschaft. Aber gerade im Bezug auf die Darstellung der Geschichte ist die Abgrenzung zu romantischer Verklärung oder politisch beeinflusster Informationsverzerrung schwierig.
Die Ulfinger beschäftigen sich trotzdem mit diesem Bereich. Wir betreiben nicht archäologische Darstellung, sondern historische Darstellung. Unser Interesse, und damit auch der Gegenstand unserer Darbietungen, beschränkt sich nicht auf die Archäologie, sondern umfasst die Geschichte.
Das Spannende und zugleich Unmögliche am Begreifbarmachen von Geschichte ist die Komplexität: im Grunde bedeutet die Nachstellung eines bestimmten Zeitabschnitts die Rekonstruktion einer ganzen Welt. Geschichte ist nicht reduzierbar auf einen bestimmten Gegenstand, sondern nur als Kette vergangener Ereignisse auf unserem Planeten zu verstehen. Natürlich wäre es absurd zu behaupten, dass wir ein holistisches - ganzheitliches - und vollständiges Bild der Vergangenheit gewinnen können. Das schaffen wir nicht einmal mit unserer aktuellen Zeit. Aber im Grundsatz versuchen wir, genauso wie wir uns bemühen die heutigen Ereignisse in der Weltgeschichte zu verstehen, auch die damalige Welt zu erfassen. Unmöglich, aber trotzdem berechtigt und notwendig.
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Notwendig deswegen, weil Funde und zeitgenössische Abbildungen, die als Vorlagen für Rekonstruktionen herangezogen werden, der Zuordnung im Blick auf den historischen Hintergrund bedürfen. Berechtigt, weil dadurch die Möglichkeit besteht, Fundlücken nicht durch wilde Spekulation zu ergänzen, sondern Wahrscheinliches von Unwahrscheinlichem zu unterscheiden. Erst dadurch kommt man in die Lage, das archäologisch nur lückenhaft überlieferte Bild der Vergangenheit sinnvoll zu vervollständigen.
Genau das ist es, was die Inszenierung so attraktiv macht: man kann bildhaft zeigen, wie es gewesen sein könnte. Hier liegt aber auch eine Gefahr. Vor dem Hintergrund eines Freilichtmuseums gespielte Lebensbilder können, anders als das geschriebene Wort, nicht einfach in den Konjunktiv gesetzt werden. Sie werden vom Zuschauer als Bilder wahrgenommen und werden miterlebt, prägen sich dadurch als Wahrheit ein. Oder bei offensichtlichem Unsinn - der Informationsstand des Publikums darf nicht unterschätzt werden - als Beweis des Unvermögens der Darstellergruppe.
Die Ulfinger betreiben deswegen kein ganztägiges Rollenspiel, das ein Leben in der Vergangenheit vorgaukelt, sondern setzen die Vermittlung geistiger Inhalte bewusst in einem anderen Medium um: im Theater. Die Vorführung von Theaterszenen hat zum einen den Vorteil, dass diese an- und abmoderiert werden, hier ist Raum für Erklärungen und Kenntlichmachung von spekulativen Elementen. Zum anderen wird das Theater, anders als ein Film, von den Zuschauern als künstlerische Inszenierung erkannt und nicht für bare Münze genommen. Es besteht die Möglichkeit durch die Verwendung von Komik und Dramatik eine gewisse Distanz zum Gezeigten zu schaffen, das Gesehene wird nicht rezipiert als “aha, so war das damals”, sondern als “ah, so setzen die das um”. Das Publikum erlebt ganz bewusst nicht das Gezeigte als Pseudowahrheit, sondern eine mehr oder minder interessante künstlerische Leistung, die dann im Applaus bewertet wird.
Auf diese Weise kann man sich mit Themen wie Rechtsprechung, Gesellschaftsformen, Religion, sozialen Unterschieden oder zeitgenössischer Bündnispolitik befassen, ohne zu behaupten, dass es genau so gewesen wäre. Gleichzeitig ist es eine Einladung, sich hinterher über solche Themen auszutauschen, die oft und gerne wahrgenommen wird.
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Und warum bleiben wir auch abends, ohne Publikum, verkleidet? Wohnen in wackeligen Zelten und kochen in zeitgenössischen Töpfen, treffen uns sogar auf Veranstaltungen ganz ohne Öffentlichkeit? Eine ehrliche Antwort?
Es macht Spass. Lagerfeuerromantik. Distanz zum Alltagsleben bringt Erholung und Bereicherung. Man trifft Leute, die man mag. Die ähnliche Interessen haben und mit denen man sich austauschen kann. Der Umgang mit Kleidung und Gerätschaften gewinnt durch Übung an Souveränität. Das Feuerschlagen mit Stein, Stahl und Zunder kann eine halbe Stunde dauern, das würde auf einer Veranstaltung so vorgeführt die Information transportieren: “so beschwerlich war es früher”. Mit Übung dauert es ein paar Sekunden.
Wir mögen den Umgang mit altertümlichen Dingen und finden darin einen gemeinsamen Nenner. Zugleich gewinnt die Darstellung, wenn man sich auch außerhalb von öffentlichen Veranstaltungen damit beschäftigt.
Trotzdem ist und bleibt man ein moderner Mensch.
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